Kolumne: Ist schon ok…den Reiseführer zu ignorieren

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Da stehst Du nun: Mitten im Dschungel von Absurdistan, drei bis vier Meilen von der nächsten Holperstraße entfernt vor einer Steilwand, die unbezwingbar scheint, vor allem in Sandalen. Die guten Wanderschuhe sind im Hostel, dafür hast Du die Badehose eingepackt. Schließlich warten hier irgendwo der „wunderschöne Wasserfall“ und der „kristallklare See“, in dessen „erfrischendem Wasser“ Du eigentlich baden wolltest. „20 Minuten Fußweg von der Hauptstraße entfernt, leicht zu gehen und nicht zu verfehlen“, verspricht der Reiseführer, in den Du immer wieder mit wachsendem Unglauben guckst, in der Hoffnung, irgendwo den Fehler zu finden. Aber dort steht es immer noch Schwarz auf Weiß, genau wie zu Beginn Deiner zweistündigen Tour durchs Unterholz. Irgendwas ist schiefgelaufen, so richtig schiefgelaufen! Vor lauter Paranoia checkst Du sogar das Cover des Reiseführers. „Absurdistan“ steht da in beruhigenden weißen Lettern vor einem wolkenfreien Himmel über der grünen Landschaft. „Ja, Absurdistan“, denkst Du.

Reiseführer sind zweifellos eine wunderbare Erfindung. Sie lichten den Nebel des Unbekannten, lange bevor wir an unserem Reiseziel sind, geben uns wertvolle Informationen, um bestens vorbereitet zu sein, steigern mit aufregenden Tipps und Touren die Vorfreude – und liegen ab und zu dermaßen daneben, dass wir am liebsten den Regenwaldboden mit ihnen düngen würden. (Bitte nicht, das ist strenggenommen auch Umweltverschmutzung!) Wir finden daher: Ist schon ok, den Reiseführer ab und zu mal links liegen zu lassen. (Wie gesagt, bitte im übertragenen Sinne.)

travelguides_LollyKnit

Schau mal, Landschaft!

Ganz abgesehen von den tatsächlichen Problemen, die sich aus der Bibeltreue ergeben können (wir kommen darauf zurück), besteht der Urlaub für allzu eifrige Leseratten im Nachhinein nur aus Buchstaben, weil sie nie den Kopf vom Buch erhoben haben und mindestens viermal von ihrer Reisebegleitung vor dem Überfahren werden, Stolpern oder einem beherzten Tritt in Hunde-/Lama-/Rinderfäkalien gerettet werden mussten. Im schlimmsten Fall erkennen solche Menschen ihren Urlaub nicht einmal auf Fotos wieder. Also, reiß Dich ab und zu mal los von den Seiten der unendlichen Weisheit und schau Dich um. Die Landschaft ist sicher einen Blick wert.

Papier ist geduldig

Der Reiseführer, den Du gerade in der Hand hältst, ist vor langer Zeit geschrieben worden, wenn schon nicht in einer weit, weit entfernten Galaxie. Es läuft ja folgendermaßen ab: Zunächst muss jemand losgehen und all die tollen Dinge erleben, die Du jetzt liest. Da wird der Earl Grey in hunderten von Cafés getestet, werden die Dauerausstellungen von dutzenden Museen besucht und irgendwer macht sich auf die Detektivsuche nach den vielen individuellen Geheimtipps, die den eigentlichen Kaufgrund darstellen. Und dann wird all das aufgeschrieben. Und dann wird das Aufgeschriebene redigiert, korrigiert und überprüft. Und dann wird die Druckmaschine angeschmissen. Und dann kommt das Buch in die Verkaufsregale. Und ein halbes Jahr später kaufst Du es für Deinen Trip in drei Monaten. Herzlichen Glückwunsch, die Hälfte der Cafés ist bereits wieder geschlossen, weil Starbucks nebenan eine Filiale eröffnet hat. Der Eintritt ins Museum ist ein ganzes Stück teurer, dafür finden aber gerade auch umfangreiche Renovierungsarbeiten im sehenswertesten Flügel statt. Und die geheime Cocktailbar im Keller einer Dönerbude war auch nur einen Sommer lang geheim.

plumpsklo_Marcus Meissner

Geschrieben von Experten

Reisejournalisten sind natürlich Experten für das Land, über das sie schreiben, in dem sie seit Jahren wohnen und das sie mittlerweile ihre Heimat nennen. Sie bewegen sich mit Leichtigkeit durch den dichten Dschungel und über schmale Berggrate, haben kein Problem damit, Bretterverschläge mit Plumpsklo als Hostel zu bezeichnen und ihre Verdauungsprobleme mit dem einheimischen Essen schon vor ein paar Jahren überwunden. Kurz: sie haben eine verzerrte Wahrnehmung. Und nein, wir sagen nicht, dass Du Dich auf Reisen wie der hinterletzte Touri-Ignorant verhalten und bei der ersten Kakerlake, die durch den Speisesaal krabbelt, nach dem Management schreien sollst. Aber Deine Perspektive ist eine andere als die des Reiseführerautors. Vergiss das nicht, wenn Du umgerechnet fünf Euro für den Latte in einem „sehr preisgünstigen Studentencafé“ in Oslo bezahlst.

Bibliothek auf dem Rücken

Reiseführer sind schwer. Irgendwo müssen die ganzen Informationen ja hin! Wenn die Schrift auf dem Buchrücken groß genug ist, dass man sie aus 15 Metern Entfernung noch lesen kann, hast Du vielleicht die Prioritäten falsch gesetzt. Mehrere Länder auf der Reiseroute vergrößern das Gewichtsproblem und irgendwann fehlt Dir zwar der Platz für eine zweite Unterhose, aber dafür kannst Du in Machu Picchu die Liste aller Herrscher mit Geburts- und Sterbedatum rezitieren und danach die durchgelaufenen Sohlen Deiner Wanderschuhe mit Papier auspolstern.

Wo geht’s lang?

Und mal ganz ehrlich: Verlaufen und Entdecken macht Spaß. Ist das nicht einer der Hauptgründe, weshalb wir in fremde Länder reisen? Wer etwas wirklich kennenlernen möchte, der sollte sich vielleicht nicht im Vorhinein schon eine Meinung bilden, um es ein wenig schwülstig auszudrücken. Sich überhaupt nicht vorzubereiten, ist natürlich fahrlässig, aber lass‘ doch trotzdem Platz für ein kleines bisschen Abenteuer.

Viel Spaß mit oder auch ohne Reiseführer!

Danke an LollyKnit, Marcus Meissner und CRUSTINA! für die Bilder von Flickr.

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